Advanced Shipping and Receiving

Advanced Shipping and Receiving ist kein Oberbegriff für Lager und Transport, sondern ein eigener Prozess: Frachtauftrag und Lagerausführung teilen sich einen Lade- beziehungsweise Entladeschritt, statt zwei getrennte Schritte zu führen. Im Deutschen heißt er „erweiterter Warenannahme- und Versandprozess“, in SAP-eigenen Feldtexten mit EWV abgekürzt. Diese Seite beschreibt, was er ist, was er voraussetzt, woran man ihn im Beleg erkennt und was er gegenüber der klassischen Integration ändert.

Ein Schritt statt zwei

Ohne diesen Prozess laufen zwei Versandwelten nebeneinander. Das Lager kommissioniert, packt, verlädt und bucht den Warenausgang. Das Transportmanagement plant Frachteinheiten und Frachtaufträge und dokumentiert die Verladung für sich. Verklammert werden beide über die Transporteinheit.

Der erweiterte Prozess ersetzt das. Er setzt laut SAP-Dokumentation auf dem Frachtauftrag auf und verwendet weder die EWM-Transporteinheit noch das EWM-Fahrzeug. Ist ein Lkw an einer Lokation eingecheckt, kann er dort laden und entladen. Der Frachtauftrag darf dabei Lagerorte umfassen, die von EWM und die von der Bestandsführung verwaltet werden — beide können sich eine Ladestelle teilen. Die Transaktion heißt im System schlicht „Frachtaufträge laden oder entladen“.

Was er voraussetzt

Die Voraussetzungen stehen nicht im Belegcustomizing, sondern in den Stammdaten des Transportnetzes. Zwei davon nennt die SAP-Dokumentation ausdrücklich als Pflicht:

  • Die Quell- beziehungsweise Ziellokation vom Typ Versandstelle ist als relevant für den erweiterten Warenannahme- und Versandprozess gekennzeichnet.
  • Es existiert eine Lokation vom Typ Ladestelle.
  • Teilen sich mehrere Lagerkomponenten dieselben Tore, sind deren Tore den EWM-Toren oder Ladestellen zuzuordnen. Bei einem Szenario mit ausschließlich EWM entfällt das.

In meinem eigenen S/4HANA sieht das genauso aus: Von sechs Lokationen des Typs Versandstelle tragen genau zwei das Kennzeichen, und es gibt zwei Lokationen des Typs Ladestelle. Die Lokationstypen sind im Data Dictionary sauber benannt — 1003 ist die Versandstelle, 1200 die Ladestelle.

Das Customizing selbst liegt im Transportmanagement unter Integration; für ein dezentrales EWM gibt es einen eigenen Zweig samt eigener Erweiterungspunkte. Für die Einrichtung stellt SAP zwei Hinweise bereit, einen Setup Guide und ein Cookbook, dazu einen dritten für die Integration mit Global Trade Services. Diese Angaben stammen aus der SAP-Dokumentation, nicht aus einer Messung.

Woran man ihn im Beleg erkennt

Am Lieferkopf, im Feld LIKP-TM_ADV_SHIP_RECV. Das Datenelement heißt „Relevanz des erweiterten Warenannahme- und Versandprozesses“, das Feld ist ein Zeichen lang und die Domäne hat genau zwei Festwerte:

leerNicht relevant
1Für erweiterten Warenannahme- und Versandprozess relevant

Die Domäne gibt es zweimal, einmal im Namensraum des Transportmanagements und einmal in dem des Lagers, mit identischen Texten. Auch die beiden Datenelemente tragen dieselbe Bezeichnung und unterscheiden sich nur im Namensraum. Wer nach nur einem sucht, findet die halbe Konfiguration.

Wie selten das Kennzeichen gesetzt ist, zeigt die Messung im eigenen System: Von 5.862 Lieferungen tragen acht die 1 — sechs vom Typ Auslieferung, zwei vom Typ Anlieferung. Der Prozess deckt also beide Richtungen ab, nicht nur den Versand. Und alle acht tragen zugleich einen Steuerschlüssel für die Belegübertragung an TM: ohne Transportmanagement kein erweiterter Prozess.

Die Relevanz hängt an mehreren Stellen

Es gibt keinen einen Schalter. Neben der Lokation und der Lieferung trägt auch die Frachtauftragsart ein Kennzeichen — Domäne mit zwei Ausprägungen, deaktivieren und aktivieren —, ebenso der einzelne Frachtbeleg. Dazu kommen eine eigene Stopprelevanz im Frachtauftrag und ein Kennzeichen für sofortiges Laden am Lieferbeleg.

In meinem System ist das Kennzeichen bei allen 32 Frachtbelegarten leer — und der Prozess trotzdem aktiv, weil die Relevanz über die Lokation kommt. Wer nur das Belegartencustomizing prüft, sieht eine leere Spalte und schließt daraus das Falsche.

Der Unterschied zur klassischen Integration

Ob und wo geplant werden muss, entscheidet die Transportplanungsart am Lieferbeleg im Lager. Ihre Domäne hat sieben Festwerte, und zwei davon gehören allein zum erweiterten Prozess:

WertBedeutung
leerKeine obligatorische Planung
AObligatorische Planung in LE
BObligatorische Planung in EWM
CObligatorische Planung in TM
DObligatorische Planung in EWM, Fakturierung in TM
EObligatorische Planung in TM für den erweiterten Prozess, Freigabe in TM
FPlanung in TM für den erweiterten Prozess, Freigabe in EWM

Die ersten fünf Werte beschreiben die Wege ohne den erweiterten Prozess. E und F sind seine beiden Ausprägungen, und in beiden entsteht laut SAP keine Transporteinheit. Der Unterschied zwischen ihnen ist eine reine Organisationsfrage: Wer gibt frei, das Transportmanagement oder das Lager.

Damit fällt ein ganzer Objektkranz weg. Die Transporteinheit im Lager hat eigene Tabellen für Status, Siegel, Identifikationen und für ihre Zuordnung zu Toren, zu Lieferungen und zu Fahrzeugen. Im erweiterten Prozess gibt es sie nicht; Tore und Ladestellen hängen stattdessen am Frachtauftrag.

Praktische Folge für die Fehlersuche: Die klassische Meldung, dass Transportplanungsdaten der Transporteinheit und der Lieferung nicht übereinstimmen, gehört in die Welt mit Transporteinheit. Taucht sie in einem Projekt auf, in dem der erweiterte Prozess vorgesehen war, ist meist nicht die Meldung das Problem, sondern die Transportplanungsart: Sie steht auf einem der ersten fünf Werte.


Packstücke: zwei Namen, eine Nummer

Im Lager heißt die Packeinheit Handling Unit, im Transportmanagement Paket. Im Eingang werden aus den Packangaben des Lieferanten Handling Units gebildet, im Ausgang aus den Handling Units des Lagers die Paketangaben. Meldet der Lieferant eine standardisierte Nummer — ein Global Transport Label oder eine NVE —, prüft das System sie auf Eindeutigkeit und führt sie als Paket-ID; andernfalls als externe Paket-ID und vergibt zusätzlich eine eigene, standardisierte Nummer. Woher diese Nummer kommt, steht unter Verpacken und NVE.

Verwechslungen, die Zeit kosten

  • Der Auslieferungsauftrag im Lager ist nicht die Auslieferung aus dem Vertrieb: zwei Belege in zwei Welten, mit eigenen Nummern und eigenen Tabellen.
  • Transporteinheit steht für zweierlei: im Transportmanagement für eine Belegkategorie neben Frachteinheit und Frachtauftrag, im Lager für ein eigenes Objekt mit eigener Tabellenfamilie.
  • Advanced Shipping and Receiving ist kein Dach über EWM und TM. Beide arbeiten ohne ihn zusammen — er ist eine von mehreren Integrationsvarianten, und zwar die ohne Transporteinheit.

Die beiden Welten einzeln: EWM und TM. Zurück zur Übersicht: EWM/TM.

Wenn die Verladung nicht zum Frachtauftrag passt oder eine Lieferung im Lager nicht auftaucht: Nennen Sie mir die Transportplanungsart, die Relevanz am Lieferkopf und den Lagerausführungsstatus. Aus diesen drei Werten lässt sich im Telefonat sagen, in welcher Variante Sie unterwegs sind und wo sie bricht.