Ein Umstieg auf S/4HANA trifft die Zulieferer-Kette an wenigen, dafür genau benennbaren Stellen. Mein Anteil daran ist der SD- und EDI-Teil: Abruf und Feinabruf, Lieferung und Avis, Verpackung, Faktura und Gutschriftsverfahren. Diese Seite beschreibt, was dabei zu klären ist — und welche Punkte sonst erst nach dem Go-Live auffallen.
Zwei Wege und eine Vorentscheidung
Am Anfang steht die Entscheidung, ob das bestehende System umgestellt oder ob die Prozesse in einem neu aufgebauten Zielsystem wieder eingerichtet werden. Für die Abrufstrecke ist das keine rein technische Frage. Beim Umstieg wandern Partnervereinbarungen, Findungssätze, Lieferpläne und Fortschrittszahlen mit — samt allem, was über die Jahre unbemerkt liegen geblieben ist. Beim Neuaufbau entstehen dieselben Objekte noch einmal, und dann entscheidet die Stammdaten-Checkliste darüber, ob der erste Abruf durchläuft.
Roll-in meint den zweiten Fall im Kleinen: Ein Werk mit eigener, gewachsener Abwicklung kommt in ein bestehendes Zieltemplate. Die eigentliche Arbeit ist dort nicht das Customizing, sondern die Abgrenzung — welche lokale Besonderheit ist eine echte Anforderung des Kunden, und welche nur die Gewohnheit eines Altsystems.
Die Bestandsaufnahme
Die Bestandsaufnahme muss aus dem Produktivsystem kommen. Entwicklung, Qualitätssicherung und Produktion laufen über die Jahre auseinander, und ein Fit-Gap allein aus der Entwicklung führt in die Irre.
Dazu gehört ein Abgleich zwischen den konfigurierten Partnerprofilen und den Partnern, die zuletzt wirklich Verkehr hatten; ein erheblicher Teil davon ist Karteileiche und wandert unbesehen mit. Ebenso die Steuerungssätze je Auftraggeber: In T663A steht, ob Abladestelle und Bestellnummer als Findungskriterium wirken (ABLADPL, BSTNKP) und ob dieselbe Prüfung als Information oder als Fehler herauskommt (MSGVS).
Was im Standard bleibt
Das Gutschriftsverfahren steht in S/4HANA technisch unverändert da: Eingangsmonitor VSB1N, eigenes Customizing ab T665B, IDoc-Basistyp GSVERF03. Es fällt beim Umstieg also nicht weg.
Auch das Logistik-Informationssystem läuft in beiden Welten gleichermaßen. SAP entwickelt es nicht weiter und stellt Embedded Analytics daneben — aber es trägt weiterhin die Fortschrittszahlen auf der Infostruktur S073. Wer diese Infostruktur neu aufbaut, greift in die Abrufabwicklung ein und nicht nur ins Reporting. Ob ein Beleg überhaupt dort landet, entscheiden vier Statistikgruppen an Kunde, Material, Belegart und Positionstyp; fehlt der Findungseintrag, bleibt die Statistik ohne Fehlermeldung leer.
Wo sich der Bauplatz verschiebt
Kundeneigene Logik zum Zurücksetzen der Fortschrittszahlen zum Geschäftsjahreswechsel wechselt den Ort. Im ECC gibt es dafür ausschließlich den Customer-Exit, die SAP-Erweiterung V45L0001 mit der Komponente EXIT_SAPLV45L_004. In S/4HANA kommt der BAdI SD_SLS_RESET_CUMLTV_QTY_SA hinzu, der aber nur zwei der vier Verfahren annimmt; die übrigen werden im Standardcoding verworfen. Beide greifen nacheinander, und der Exit läuft danach — wer beides implementiert, überschreibt sein eigenes BAdI-Ergebnis.
Die Präferenzabwicklung ist in S/4HANA kein SD-Thema mehr. Die klassischen Außenhandelsobjekte liegen technisch noch im Repository und sind nicht gesperrt, gelten aber nicht mehr als Zielarchitektur; sämtliche Präferenz-Pakete liegen dort in der GTS-Auslieferungseinheit. Intrastat, Legal Control und die Klassifizierung mit Warentarifnummern bleiben dagegen im S/4-Kern. Wer heute noch im ERP kalkuliert, steht damit vor einer Lizenz- und nicht vor einer Customizing-Entscheidung.
Bei den Frachtkosten kommt ein Weg hinzu: Embedded TM mit eigener Frachtabrechnung gibt es nur in S/4HANA, während der klassische Frachtkostenbeleg technisch daneben liegen bleibt. Welcher Weg passt, entscheidet sich an Kalkulationstiefe, Richtung der Fracht und Lizenz — und diese Abgrenzung gehört an den Anfang.
Erweitertes ATP
Unter dem Dachbegriff Erweitertes Available-to-Promise liefert S/4HANA mehrere Bausteine aus, die im ECC so nicht nebeneinanderstehen. Jeder bringt eigene Konfigurationsobjekte und eigene Stammdatenpflege mit:
- Produktverfügbarkeitsprüfung als Basis.
- Kontingentierung (Product Allocation): verteilt knappe Mengen über Kontingentierungsobjekte und -sequenzen.
- Verfügbarkeitsschutz (Supply Protection): reserviert Bestand für definierte Merkmalskombinationen.
- Rückstandsbearbeitung (Backorder Processing): priorisiert bestehende Bestätigungen neu, ausführbar per Transaktion ATP_BOP.
- Freigabe zur Lieferung (Release for Delivery).
- Alternativenbasierte Bestätigung (Alternative-Based Confirmation).
Add-ons und Eigenentwicklung
Laufen im Haus Automotive-Add-ons für Abrufe, Etiketten, Packmittel oder Gutschriftsprüfung, gehört deren Verträglichkeit in die Vorbereitung: Der Add-on-Stand muss zum Zielrelease passen, und die kundeneigenen Anpassungen müssen den Sprung überstehen. Wirksam wird eine solche Funktion ohnehin erst über ihre Konfiguration je Kunde, Werk und Abrufart — laufen die Systemstände auseinander, rechnet derselbe Abruf im Test anders als produktiv.
Was vor dem Umstieg zu klären ist
| Thema | Die Frage, die vorher beantwortet sein muss |
|---|---|
| Abrufstrecke | Welche Nachrichtenarten und Vorgangscodes sind produktiv im Einsatz — und welche Partnerprofile davon hatten wirklich Verkehr? |
| Lieferplanfindung | Sind die Findungssätze eindeutig, und stimmen die Steuerungskennzeichen je Auftraggeber? |
| Fortschrittszahlen | Welches Rücksetzverfahren gilt heute, und gehört es danach auf den BAdI oder bleibt es im Exit? |
| Außenhandel | Wird Präferenz heute im SD kalkuliert? Dann ist GTS Voraussetzung, kein Folgeprojekt. |
| Fracht | Frachtkostenbeleg, Dienstleistungsbeschaffung oder embedded TM — mit welcher Lizenz? |
| Add-ons | Passt der Stand zum Zielrelease, und wer verantwortet die Anpassungen darin? |
Abnahme
Ein grünes IDoc ist kein bestandener Test: Die Testfälle müssen die Findung und die werksabhängigen Einstellungen treffen, nicht nur den Verarbeitungsweg. Abnahmepunkt ist der erste produktive Abruf im Lieferplan, das erste quittierte Avis und die erste zugeordnete Gutschrift — nicht das Transportprotokoll.
Beschreiben Sie mir in ein paar Sätzen, wo Ihr Vorhaben steht: Ausgangsrelease, Zielschnitt, betroffene Nachrichten und Werke. Im ersten Gespräch sage ich, welchen Teil davon ich sinnvoll übernehme.