SAP TM: Frachtprozesse und Abrechnung

Eine Einführung von Frachtprozessen ist selten ein reines Transportthema. Sie berührt den Vertriebsbeleg, das Lager, den Einkauf und die Buchhaltung — und die eigentliche Arbeit steckt in den Übergängen zwischen diesen Welten, nicht im Verplanen einer Tour. Diese Seite beschreibt, was dabei zu entscheiden ist und an welchen Stellen es klemmt.

Die erste Entscheidung fällt vor dem ersten Customizing

Frachtkosten kennt der SAP-Standard nicht in einem Weg, sondern in mehreren, die technisch getrennt nebeneinander stehen. Welcher passt, entscheidet sich an drei Fragen: Wie tief muss kalkuliert werden, geht es um Eingangs- oder Ausgangsfracht, und was ist lizenziert.

Embedded TMEigene Belegkette mit Frachteinheit, Frachtauftrag und Frachtabrechnungsbeleg. Nur im S/4 vorhanden.
LE-TRAKlassischer Frachtkostenbeleg mit Transportarten und Frachtkostenpositionstypen. Im ECC und im S/4 vorhanden.
MM-DienstleistungTransportleistung als Beschaffung, Abrechnung wahlweise über das Gutschriftsverfahren.
BezugsnebenkostenGeplante Nebenkosten in der Bestellung. Deckt nur die Eingangsfracht ab und kennt keine Frachtkalkulation über die Transport-Konditionstechnik.

Die Trennung ist technisch echt: Bezugsnebenkosten sind eine eigene Konditionsklasse mit Rückstellungslogik, LE-TRA führt eigene Belegtabellen, und Embedded TM existiert im ECC schlicht nicht. Eine Aussage wie „das machen wir im TM“ ist dort keine Option, sondern eine Migrationsfrage. Die Lizenzlage gehört aus demselben Grund vor die Konzeptarbeit, nicht hinterher.

Die Belegkette im TM

Im TM liegen die Transportbelege in einer gemeinsamen Persistenz und werden über die Belegkategorie unterschieden. Die Domäne kennt genau sechs Kategorien.

  • Frachteinheit — kleinste planbare Einheit, entsteht aus dem Vertriebs- oder Lieferbeleg
  • Frachtauftrag — Beauftragung des Spediteurs, bündelt Frachteinheiten und trägt die Kostenberechnung
  • Frachtbuchung — für gebuchte Kapazität, etwa See und Luft
  • Frachtauftragskopie für die Ausschreibung
  • Serviceauftrag
  • Transporteinheit

Zu klären ist hier zweierlei: welche Belegarten je Kategorie nötig sind, und nach welcher Regel Frachteinheiten gebildet werden. Die Bildungsregel ist ein eigenes Customizing-Objekt und der Hebel für Sendungsschnitt und Planungsaufwand.

Am Ende der Kette steht der Frachtabrechnungsbeleg. Er entsteht als Folgeaktion aus dem Frachtauftrag heraus, hat eigene Belegarten im Customizing und übergibt an Einkauf und Buchhaltung. Wer ihn erst nach dem Go-Live betrachtet, hat den Teil aufgeschoben, an dem Kontierung, Partnerrolle des Dienstleisters und Abrechnungsrelevanz zusammenkommen.

Das Scharnier: die Lieferung schaltet das Lager frei

Der interessanteste Teil einer Einführung ist nicht das TM selbst, sondern seine Klammer zur Lieferung und zum Lager. Der Lieferbelegkopf trägt dafür vier Steuerfelder: einen Steuerschlüssel für die Belegübertragung an TM, einen Lagerausführungsstatus, eine Lagerausführungssperre und ein Kennzeichen für den erweiterten Versandprozess.

Der Lagerausführungsstatus kennt fünf Zustände: nicht relevant, für die Lagerausführung gesperrt, freigegeben, in Lagerabwicklung, bereit für den Versand. Damit ist die Reihenfolge am Beleg ablesbar.

Erst die TM-Planung, dann die Lagerausführung. Die Lieferung bleibt für das Lager gesperrt, bis das TM sie freigibt. Genau dieser Status ist der erste Ort, an dem ich nachsehe, wenn im Lager nichts ankommt.

Erweiterter Warenannahme- und Versandprozess

Wer TM und ein erweitertes Lager gemeinsam betreibt, entscheidet, ob Laden und Entladen ein gemeinsamer Schritt beider Welten werden oder zwei getrennte Versandprozesse bleiben. SAP bietet dafür den erweiterten Warenannahme- und Versandprozess an. Die Relevanz lässt sich dabei am Standort hinterlegen oder an der Frachtauftragsart. Beide Schalter existieren, und es sollte früh klar sein, welcher führt — sonst diskutiert man später über Belege, die sich unterschiedlich verhalten, ohne dass jemand etwas geändert hat.


Fallen, die ich in der Vorklärung abräume

  • „Transportbedarf“ ist ein Homonym. Im klassischen Lager ist er die Vorstufe des Transportauftrags und hat eigene Tabellen. Im TM meint derselbe Begriff die Transportanfrage, also die Vorstufe der Frachteinheit. In einem Konzeptpapier ist das Wort ohne Zusatz unbrauchbar.
  • Der Transportbedarf im TM muss kein eigener Beleg sein. Die Kategorien kennen ausdrücklich auch transiente Ausprägungen; die Frachteinheit hängt dann direkt am Vertriebs- oder Lieferbeleg. Wer einen persistenten Zwischenbeleg erwartet, zeichnet ihn fälschlich in das Ablaufbild.
  • Ein Transportbedarf entsteht nicht nur aus Auftrag oder Lieferung. Die Kategorien decken auch Speditionsauftrag und Speditionsangebot ab, dazu die Lageranforderung aus dem erweiterten Lager und den JIT-Abruf. Wer die Strecke nur vom Vertriebsauftrag her denkt, übersieht mögliche Auslöser.
  • In deutschen TM-Texten steht das Kürzel FAB für den Frachtabrechnungsbeleg. In der Automotive-Runde daneben meint dieselbe Abkürzung den Feinabruf. Das ist kein Systemfehler, aber eine verlässliche Quelle für Missverständnisse im Protokoll.

Womit ich in so einer Einführung beauftragt werde

  • Vorklärung des Wegs: TM, klassischer Frachtkostenbeleg, Dienstleistungsbeschaffung oder Bezugsnebenkosten — mit Begründung und Abgrenzung, nicht als Setzung
  • Schnitt der Frachteinheiten und Belegarten je Kategorie, abgestimmt am tatsächlichen Sendungsbild
  • Die Klammer zur Lieferung und zum Lager: Steuerschlüssel, Freigabestatus, Testfall über die ganze Kette statt je Baustein
  • Frachtabrechnung bis zur Übergabe an Einkauf und Buchhaltung, samt Kontierung und Partnerrollen
  • Aufnahme des Ist-Standes in einer gewachsenen Landschaft und dokumentierte Übergabe an das Inhouse-Team

Getestet wird über den echten Weg, vom Vertriebsbeleg bis zum Abrechnungsbeleg, nicht über einzeln geprüfte Customizing-Sichten. Jede transportfähige Änderung geht in einen Transport, auch die kleine. Gibt es einen dokumentierten Standardweg, nehme ich ihn statt einer Eigenentwicklung.


Wenn bei Ihnen eine Entscheidung zwischen diesen Wegen ansteht: Schildern Sie mir Release, Richtung der Fracht und die gewünschte Kalkulationstiefe. Damit lässt sich im ersten Gespräch einordnen, welcher Weg trägt und wo der Aufwand liegt.